RHEINISCHER MERKURWERBUNGWERBUNG
   SUCHEKONTAKTARCHIVLESERBRIEFELESERSHOPPARTNERSUCHE
MERKUR SPEZIAL - VERGESSENE KRIEGE

WELT VOLLER WIRREN

Von Haiti bis Tschetschenien

Liberia

Lange hat die Welt weggeschaut. �Epizentrum� der Krisenregion Westafrika hat der Uno-Fl�chtlingskommissar Ruud Lubbers Liberia einmal genannt. Tats�chlich ist das B�rgerkriegsland auch neun Monate nach dem Friedensvertrag von Accra (Ghana) noch nicht zur Ruhe gekommen. �berall ziehen versprengte Soldaten der Rebellentruppen Lurd und Model umher. Hunderttausende haben auf der Flucht vor der Guerilla ihr Hab und Gut verloren. Kein Wunder, dass die Angst vor neuen K�mpfen in der Bev�lkerung tief sitzt. Fast 14 Jahre dauerte der B�rgerkrieg in dem 1847 gegr�ndeten Staat, der einst aus Amerika zur�ckkehrten Sklaven als Heimstatt diente. Anfang dieses Jahres war der langj�hrige Pr�sident Charles Taylor geflohen, nachdem die Rebellengruppen mehr als 60 Prozent des Landes unter ihre Kontrolle gebracht und auch die Hauptstadt Monrovia erobert hatten. Grausame Bilder von massakrierenden Kindersoldaten gingen um die Welt. Aber auch nach der Bildung einer Interimsregierung unter Pr�sident Gyude Bryant ist die Sicherheitslage weiter kritisch. So bleibt f�r die 15�000 UN-Blauhelmsoldaten die im Rahmen der Unmil-Mission in Liberia den Frieden sichern sollen, noch viel zu tun.

Kongo

Kaum jemand hat diesen Krieg beachtet, und das, obwohl das T�ten im Kongo (dem fr�heren Zaire) halb so viele Tote kostete wie der Erste Weltkrieg: Etwa drei Millionen starben in den vergangenen Jahren beim B�rgerkrieg zwischen den verfeindeten Ethnien im Nordosten des riesigen Fl�chenstaates. Seit Ende 2002 herrscht freilich relative Ruhe. Am 17.�Dezember 2002 schlossen die Kriegsparteien in Pretoria ein Abkommen, das freie Wahlen vorsieht und eine �bergangsverfassung geschaffen hat. Noch bis Juli 2004 soll die UN-Friedensmission Monuc mit gut 10�000 Soldaten in der Unruheprovinz Ituri f�r Frieden sorgen, in den Jahren zuvor hatten sich vor allem Uganda und Ruanda in den Konflikt eingemischt. Dies alles sind positive Zeichen, und deutsche Diplomaten sehen ein �Fenster der Gelegenheit�. Das bedeutet aber keinesfalls, dass ein dauerhafter Frieden gesichert ist. Hunderttausende von Fl�chtlingen aus dem Gebiet der gro�en Seen leben im Kongo. Pr�sident Joseph Kabila steht einem instabilen und korrupten Regime vor. In der Provinz Ituri im Nordosten Kongos w�ten immer wieder K�mpfe � oft unter Beteiligung von Kindern. Sie werden meist zum Waffendienst gezwungen, Experten sprechen von ganzen �Kinderarmeen�.

Haiti

Kommt die Rettung aus dem Exil? G�rard Latortue, der neue haitianische Ministerpr�sident, soll die Auss�hnung zwischen den Anh�ngern des ehemaligen Pr�sidenten Jean-Bertrand Aristide und den Rebellengruppen vorantreiben. Der 69-j�hrige fr�here Au�enminister und langj�hrige UN-Diplomat, der nach der Entsendung einer multinationalen UN-Eingreiftruppe auf die Karibikinsel zum Regierungschef ernannt worden ist, steht vor der Herausforderung, die Rebellenarmeen zu entwaffnen und demokratische Wahlen vorzubereiten. Mit Demokratie haben die rund acht Millionen Haitianer schlechte Erfahrungen gemacht. 200 Jahre nach seiner Unabh�ngigkeitserkl�rung gegen�ber Frankreich ist Haiti, das fr�her Kaffee, Zucker und Gew�rze nach Europa lieferte, das �rmste Land der westlichen Hemisph�re. Unter der mehrfachen Pr�sidentschaft des ehemaligen Armenpriesters Aristide (1990-1991, 1994-1996, 2001-2004) verfiel die Insel in wirtschaftliche und politische Lethargie. Das Misstrauen gegen�ber Latortue aus dem Exil ist gro�, denn dem neuen Kabinett geh�ren weder Vertreter der Lavalas-Partei von Ex-Pr�sident Aristide noch Mitglieder der Rebellenarmeen an.

Kolumbien

Der politische Kampf ist verblasst, doch die Gewalt rei�t nicht ab. Bereits vierzig Jahre bekriegen sich in Kolumbien linke Rebellen, rechte Paramilit�rs und nationale Streitkr�fte. Knapp drei Millionen Menschen sind innerhalb des s�damerikanischen Landes auf der Flucht. Jedes Jahr fordert der B�rgerkrieg mehr als 10�000 Todesopfer. Urspr�nglich wollten die Guerilleros mit ihren Waffen eine gerechtere Landverteilung erzwingen. Kolumbiens Gro�grundbesitzer antworteten auf diese Bedrohung mit der Aufstellung von privaten Milizen, den Paramilit�rs. Mittlerweile hat die Rivalit�t der bewaffneten Gruppen und ihre Verflechtung mit den m�chtigen Drogenkartellen dazu gef�hrt, dass die Grenzen zwischen �normalen� und politischen Verbrechern immer flie�ender werden. W�hrend die Revolution�ren Streitkr�fte Kolumbiens (Farc) mit spektakul�ren Entf�hrungen ihre Kriegskasse auff�llen, stockt Staatspr�sident Alvaro Uribe die Schlagkraft der Streitkr�fte auf. Heftig umstritten ist die j�ngste Zwangsrekrutierung der Landbev�lkerung in einer Art Bauernmiliz. Die Guerilla warb daraufhin massiv Jugendliche an. Die Beteiligung am B�rgerkrieg ist f�r viele junge Kolumbianer angesichts grassierender Armut und mangelnder Berufsperspektiven eine �berlebensfrage.

Tschetschenien

�In Tschetschenien normalisiert sich die Lage.� So lautete eine der zentralen Botschaften im Wahlkampf Pr�sident Wladimir Putins. Das Gegenteil ist der Fall: Die Kaukasusrepublik versinkt in Gesetzlosigkeit, Gewalt und Elend. Explodierende Sprengs�tze geh�ren zum Alltag, und an jeder Stra�enecke stehen bewaffnete M�nner. Zuletzt wurden bei K�mpfen in der vergangenen Woche sechs russische Soldaten und ein Aufst�ndischer get�tet. Die Lebensbedingungen f�r die Bev�lkerung in dem von zwei Kriegen mit Russland zerst�rten Land sind �u�erst hart. Die Hauptstadt Grosnij ist eine von Bomben zerst�rte Ruinenlandschaft, Trinkwasser ist nur an wenigen Brunnen zu bekommen. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen starben in den vergangenen viereinhalb Jahren rund 15�000 Soldaten und 20�000 Zivilisten. Mehr als 600 Menschen wurden bei Anschl�gen mutma�licher Rebellen au�erhalb Tschetscheniens get�tet � viele von ihnen in Moskau. Die inzwischen vom Staat kontrollierten TV-Sender schweigen das Thema Tschetschenien tot. Auch auf internationalem Parkett verbittet sich der Pr�sident jede Kritik � dies umso erfolgreicher, seit er nach den Anschl�gen vom 11.�September in die internationale Allianz zur Bek�mpfung des Terrorismus eingeschwenkt ist.

Indonesien

Die Provinz Aceh im Norden der Insel Sumatra ist Schauplatz eines der l�ngsten und blutigsten Sezessionskriege in S�dostasien. Seit 1976 fielen ihm mehr als 11�000 Menschen zum Opfer, darunter vor allem Zivilisten. F�r die Unabh�ngigkeit der Provinz k�mpft die von einem konservativen Islam gepr�gte, etwa 5000 Mann starke Guerillaorganisation �Bewegung Freies Aceh� (GAM). Zuletzt sind am 1.�Januar 2004 bei einer Bombenexplosion w�hrend eines Neujahrskonzerts mindestens neun Menschen get�tet und 32 verletzt worden. Im Zentrum des Konflikts steht der Zugang zu Bodensch�tzen. Aceh z�hlt zu den ressourcenreichsten Regionen des Inselstaates. Zusammen mit Erd�l, Holz, Kautschuk und Kaffee bringt Erdgas, der bedeutendste Rohstoff an der Nordk�ste Sumatras, dem Staat jedes Jahr etwa vier Milliarden US-Dollar ein. Kein Wunder, dass die indonesische F�hrung in Jakarta mit allen Mitteln versucht, die Abspaltung zu verhindern. Seit dem 19.�Mai 2003 f�hrt das Milit�r gegen die Aufst�ndischen eine Gro�offensive durch, nachdem Staatspr�sidentin Megawati Sukarnoputri das Kriegsrecht �ber die Provinz verh�ngt hatte. Seitdem ist die Region Sperrgebiet, zu dem nur ganz wenige, vom Milit�r zugelassene Journalisten Zutritt haben. Mehr als 20�000 Menschen sind auf der Flucht.

Nepal

In dem Himalajastaat k�mpfen maoistische Rebellen seit 1996 f�r eine kommunistische Republik. Seitdem kamen rund 9000 Menschen im Konflikt mit dem Herrscherhaus in Kathmandu ums Leben. Menschenrechtsorganisationen beschuldigen beide Konfliktparteien �u�erster Brutalit�t. So sollen die Rebellen K�mpfer gewaltsam rekrutieren, Kindersoldaten einsetzen und Gefangene foltern. Vergangene Woche Dienstag wurden bei der Explosion einer Landmine im Westen Nepals mindestens elf Zivilisten get�tet und vier weitere verletzt. Der Armee K�nig Gyanendras werden ebenfalls Folterungen sowie die T�tung unschuldiger Zivilisten vorgeworfen. Die Maoisten fordern vom K�nig eine verfassunggebende Versammlung. Dieser hatte 2002 das Parlament des Landes aufgel�st und einen Premierminister eingesetzt. Nun f�rchten die entmachteten Parteien, sie k�nnten dauerhaft von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden. F�r konstitutionelle Reformen setzen sich � allerdings mit unblutigen Mitteln � auch verschiedene Studentenorganisationen ein. Seit Wochen demonstrieren sie in der Hauptstadt.

Philippinen

Nach dem Ende der Geiselnahme von 21 Touristen (darunter drei Deutsche) auf der Insel Jolo im August 2000 endete das Medieninteresse an der Dauerkrise im S�den des riesigen Pazifikarchipels schlagartig. Von den nachfolgenden Gewaltausbr�chen � Angriffen auf D�rfer, in denen die Terroristen vermutet wurden, Vergeltungsschl�gen islamischer Rebellenorganisationen und weiteren Entf�hrungen � wurde kaum noch berichtet, obgleich als sicher gilt, dass zwischen den Geiselnehmern, der islamistischen Organisation Abu Sayyaf, und Al-Kaida Verbindungen bestehen. Die etwa 500 Separatisten der Abu Sayyaf k�mpfen f�r die Unabh�ngigkeit der mehrheitlich von Muslimen bewohnten s�dphilippinischen Inseln Mindanao und Sulu � ein Ziel, das von einer Vielzahl islamischer Rebellenorganisationen verfolgt wird, darunter etwa die �Moro Islamic Liberation Front� (MILF). Mit Entf�hrungen von Zivilisten, hohen L�segeldforderungen und der Ermordung von Geiseln versuchen sie die Regierung der mehrheitlich christlichen Philippinen in die Knie zu zwingen � bislang ohne Erfolg. R�ckendeckung im Kampf gegen die Islamisten bekommt Staatschefin Arroyo von den USA. 150 GIs sind auf der Insel Basilan stationiert.

L�nderportr�ts von Hartmut K�hne, Raoul L�bbert, Johannes Mehlitz und Astrid Prange.

© Rheinischer Merkur Nr. 13, 25.03.2004


Top

POLITIKAu�enpolitikEuropaTerrorismusGeschichtePolbuchFragen der ZeitWIRTSCHAFTWirtschaftspolitikGeld & ServiceCHRIST&WELTGeist & GlaubeKirche internKULTURKulturtipsKuturreportLiteraturSachbuchFilmMEDIENMedienComputerLebensartReiseStilMobilMenschenBildungWissenReportMERKUR PLUSBLICKPUNKTSERVICE


[ MERKUR.DE | POLITIK | WIRTSCHAFT | CHRIST + WELT | KULTUR | MEDIEN | LEBENSART | BLICKPUNKT ]
[ LESERSHOP |LESERBRIEFE | ABO-SERVICE | LESERREISEN | IMPRESSUM | VERLAG | REDAKTION | MEDIADATEN]
[ © Rheinischer Merkur online 2004 - www.merkur.de]